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Doku einer Rede von einer anderen Nachttanzdemo, Münster, 9.4.16

In Münster gab es am Wochenende, Samstag, 9.4.16., auch eine Nachttanzdemo unter dem Motto: „Step up 2 the streets“ (https://linksunten.indymedia.org/en/node/175393)

Hiermit dokumentieren wir einen Redebeitrag einer Gruppe aus Münster dazu, die online steht:

Redebeitrag Münster Nachttanzdemo 09.04.2016

Verfasst von: Rosa Zelle. Verfasst am: 10.04.2016 – 02:20. Geschehen am: Samstag, 09. April 2016.

Alternativen aufbauen – soziale Zentren errichten

Soziales Zentrum – was ist das überhaupt? Ein soziales Zentrum ist ein Ort, der Möglichkeiten und Perspektiven für möglichst viele (alle*) bieten soll. Ein Ort, an dem Menschen unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, Gender, Religionszugehörigkeit, Fähigkeiten, Spezies und/oder Lebensstil zusammenkommen können, um miteinander in Kontakt zu treten, sich auszutauschen, sich zu organisieren, … .

Ein soziales Zentrum bietet Raum für kulturelle Teilhabe, selbstorganisierte Beratungsangebote, Vernetzung, politische Organisierung, Beteiligung, Austausch, Entlastung vom Alltag – kann Ort für Ideen, Inspiration und Entfaltung sein. In einem solchen Raum kann voneinander gelernt – nicht belehrt – und Probleme können gemeinsam und solidarisch angegangen werden.

„Aber gibt es nicht schon Orte und Räume in Münster, an denen so etwas möglich ist?“ – Besetzung als notwendiges Mittel, um unabhängig handeln zu können

Wenn wir uns in Münster umsehen, dann sieht es auf den ersten Blick so aus, als gäbe es bereits Räume für Beratung, Kultur und Austausch. Jugendzentren, Senior*innentreffs, Cafes, Proberäume – doch schauen wir genauer hin, dann stehen die Menschen überall vor den selben Problemen: Eintrittspreise, rassistische Einlasskontrollen, Mieten, vorgefertige Konzepte, Hierarchien, keine Möglichkeit zur Beteiligung und Mitgestaltung … Viele Barrieren, die Menschen ausschließen, voneinander isolieren und keinen Raum für eigene oder gemeinschaftliche Ideen und Kreativität lassen.

Das besondere an einem besetzen Raum ist, dass Menschen dort unabhängig von finanziellen Mitteln und behördlichen Widerständen und Hürden, Ideen erarbeiten und direkt umsetzen können. Der unkommerzielle, antikapitalistische Rahmen ist eine reale Alternative zu all dem, was heute starr und unzugänglich ist. Du kannst dir die Miete nicht mehr leisten? Du möchtest dich mit einer Theatergruppe treffen, aber Räume sind nicht erschwinglich? Du möchtest mit deinen Freund*innen einen Kaffee trinken? Du möchtest mit deinen Nachbar*innen ein Gemüsebeet anlegen? Du möchtest einen Kino-Abend veranstalten? Du möchtest mit anderen über aktuelle Problematiken, soziale Fragen, Politik, … diskutieren und dazu arbeiten? Du brauchst Hilfe und Unterstützung oder suchst einfach nach Anschluss? Möchtest dir und anderen etwas beibringen? Du möchtest an Alternativen arbeiten?

Ein soziales Zentrum kann genau der richtige Ort für all das sein.

Basisdemokratische und offene Entscheidungsstrukturen nach dem Prinzip des Konsens ermöglichen Mitbestimmung und eine gleichberechtigte Beteiligung aller*. Bedenken und Sorgen können nicht so einfach übergangen werden, sondern berücksichtigt, ernst genommen und gemeinsam wird an Problemlösungen gearbeitet, mit denen alle* zufrieden sind. Wert gelegt wird dabei auf respektvollen, achtsamen, rücksichtsvollen und auch nachsichtigen Umgang miteinander. Denn gleichzeitig Vorraussetzung wie Zweck eines solchen Zentrums ist es, Schutzraum zu sein vor Diskriminierungen und Übergriffigkeiten, denen Betroffene sonst an anderen öffentlichen Orten ausgesetzt sind.

Natürlich ist dies ein hoher Anspruch, der nicht immer erfüllt wird. Es ist ein stetiger Lernprozess. Und wir bringen die Probleme und Strukturen auch mit in die Räumlichkeiten eines Zentrums. Aber an Ansprüchen können wir wachsen, wenn wir dazu bereit sind.

Um solche Räume zu schaffen …

wurde im Oktober 2015 das ehemalige Zollamt in Münster besetzt, um in den seit Jahren leerstehenden Räumlichkeiten ein solches soziales Zentrum zu errichten. Zwei Wochen nach der Eröffnung wurde es dann gewaltsam von der Polizei geräumt.

Auch im Februar 2016 wurde für diese und ähnliche Ideen, die alte Post am Hafen in Münster besetzt.

Gentrifizierung und Verdrängung

Das Hafenviertel rund um die alte Post ist seit langer Zeit umkämpfter Raum. Viele unterschiedliche Menschen setzen sich seit Jahren für den Erhalt und Ausbau von bestehenden Strukturen und Projekten ein – auch bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Doch die Stadtpolitik setzt sich über alle Bedenken und Bedürfnisse der Anwohnenden und Anwesenden hinweg. Anstelle von selbstverwalteten und selbstorganisierten Projekten soll entlang des Hafens ein kommerzieller Konsumraum geschaffen werden. Größtenteils sind diese Pläne bereits umgesetzt worden und es bleibt wenig Raum an einem Ort, der so viel Potential für Selbstverwaltung und -gestaltung bietet. Kurz hinweisen möchten wir an dieser Stelle auf die B-Side und das Raketen-Cafe, auf deren spezielle Problematik an dieser Stelle nicht ausreichend eingegangen werden kann. Weiter informieren könnt ihr euch hierzu unter anderem: b-side.ms

Entgegen vieler Stimmen und Bedenken aus dem Viertel heraus, wurde im Rat der Stadt entschieden, dass die alte Post abgerissen und an ihrer Stelle ein Edekacenter gebaut werden soll.

Der Versuch, dieses riesige Gebäude mit ausreichend Platz für Wohnungen, unkommerzielle Treffpunkte, leicht zugängliche Veranstaltungsorte, Räume für Gruppentreffen, Kunst- und Kulturprojekte, Proberäume, Ateliers, Werkstätten, Gärten und vielem mehr für das Viertel zu öffnen, wurde schnell durch die Stadt, dem neuen Eigentümer Stroetmann und der Polizei verunmöglicht.

Polizeigewalt

Nach zwei Tagen räumten die Cops das Haus unter Verwendung eines riesigen Aufgebots. Gewalt gegen Demonstrierende wurde dabei bewusst angewendet und an diesem Einsatz wurde bereits von viele Seiten zurecht Kritik geübt. Aber es bleibt auch nicht zu vergessen: Es ist die Aufgabe der Polizei, die Verhältnisse, in denen wir leben, durch Gewalt zu betonieren. Gerade bei dem kriminalisierten Mittel der Hausbesetzung konnte kaum darauf gehofft werden, nett von den Cops behandelt zu werden. Dabei scheint es dann, wie nicht nur die Räumung der alten Post gezeigt hat, egal zu sein, ob wir uns friedlich verhalten oder nicht. Dennoch: Das eigene Leben kann selbst in die Hand genommen werden, statt dass auf die Hilfe irgendwelcher Politiker_innen gewartet wird. Und auch von Polizei und Repression lassen wir uns nicht aufhalten.

Fangen wir heute an, unsere Welt so zu gestalten, wie wir sie uns vorstellen

Wir wünschen uns eine solidarische Organisierung der Stadt von unten. Dabei haben wir auch außerhalb von sozialen Zentren Vorstellungen, wie so etwas aussehen kann: Statt unseren Problemen vereinzelt, isoliert und ohnmächtig gegenüber zu stehen, können wir beginnen, uns in unseren Wohnungen und WGs und Nachbar*innenschaften zu organisieren. Dort können wir über unsere Probleme sprechen und uns gegenseitig helfen. Wir können uns zusammensetzen, um bereits kleine Ideen umzusetzen, wie beispielsweisen einen Umsonstbuchladen im Viertel. Organisierte WGs können sich in ihrem Haus und Viertel mit anderen WGs vernetzen, um so Lasten auf mehr Schultern zu verteilen und größere Projekte anzugehen, die sonst nicht möglich wären, wie z.B. ein kollektiv organisierter Garten, in dem Gemüse angebaut wird mit dem Zweck einer teilweisen Selbstversorgung, oder der Aufbau eines Freifunknetzes im Viertel. Eine miteinander vernetzte solidarische Nachbarschaft gewinnt Handlungsfähigkeit, sich gegen Gentrifizierungs-, Diskriminierungs- und Verdrängungsprozesse zur Wehr zu setzen und Verbesserungen erstreiten kann. Schließen sich solidarische Nachbarschaften und WG’s zu einer Föderation zusammen, so kann dort ein Erfahrungsaustausch stattfinden, über die Prozesse in den Vierteln und über einen geeigneten Umgang mit diesen – und es kann sich gegenseitig in den verschiedenen Kämpfen und Zielen unterstützt werden.

Aber auch auf anderen Ebenen können wir unseren Alltag solidarisch gestalten: Wir können uns mit Arbeitskolleg*innen gewerkschaftlich organisieren und so im Betrieb konkrete Verbesserungen erkämpfen, oder mit unseren Komiliton*innen eine Hochschulgruppe gründen, statt weiter das Thema Hochschulpolitik den Reformist*innen zu überlassen.

Also: Holen wir uns die Stadt zurück! Organisieren wir die Stadt von unten – auf allen Ebenen! Kämpfen wir gegen Diskriminierung, Isolation und Ohnmächtigkeit.“

https://linksunten.indymedia.org/de/node/175356

Solidarische Grüße nach Münster